Praxis Hintergrund
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20 | Potsdamer Landkurier MAZ | ----------------------------------------------------- SONNABEND/SONNTAG, 31. JULI/1. AUG. 2010 ___________________________________________________________________________________________________________________________________

Ein knuspriger Kanten regt an
SAMSTAGSINTERVIEW Die Kieferorthopädin Irene Franz über schiefe Zähne und Folterinstrumente

Tausenden Kleinmachnowern, Teltowern und Stahnsdorfern hat die Kleinmachnower Kieferorthopädin Irene Franz seit 1990 in den Mund geschaut. Mit ihr sprach Ulrich Wangemann über die Zahnstellung imWandel der Zeiten.

MAZ: Vor 20 Jahren haben Sie sich als Fachzahnärztin für Kieferorthopädie in Kleinmachnow niedergelassen. Wie hat sich die Zahnstellung der Menschen in dieser Zeit verändert?
Irene Franz: Nach meinem Gefühl sind Zahnfehlstellungen häufiger zu finden. Dass Zähne gar nicht angelegt sind, stelle ich auch zunehmend fest.

Wie erklären Sie sich all das?
Franz: Was nicht gebraucht wird, bildet sich zurück. Früher fand ich seltener Nichtanlagen von Zähnen, heute finde ich Patienten die nur zwei oder sogar keine Weisheitszähne besitzen. Bei den Zahn- und Kieferfehlstellungen hat es den Anschein, dass Engstände vermehrt auftreten.das hat auch mit Stress zu tun. Ein Gebiss bildet sich da aus, wo ein Gleichgewicht von Außendruck – Wangen und Lippen – und der Zunge von innen besteht. Wenn man Lippen und Wangen durch Stress vermehrt anspannt, schieben sich die Zähne enger zusammen. Das ist schon bei Kindern feststellbar. Das Zähneknirschen kommt häufiger vor. Die Ernährung dürfte dabei auch eine große Rolle spielen. Für all die gegrillte, gebratene, gekochte und nicht zu vergessen frittierte Nahrung muss man nicht mehr kraftvoll zubeißen, um ein mundgerechtes Stück herauszutrennen.

Sollte man Kindern öfter hartes Brot geben, wie man es Meerschweinchen zur Zahnpflege gibt?
Franz: Hartes altes Brot sicher nicht, aber einen frischen knusprigen Kannten, der das Kauen ordentlich anregt. Möhren sollten sie nicht in geraspelter Form bekommen.

Hat sich in der Chemie der Abdruckmassen etwas verändert – schmecken sie besser?
Franz: Ob sie besser schmecken, kann ich schlecht beurteilen. Die Vielfalt hat auf jeden Fall zugenommen. Heute haben wir Vanille, Pfefferminz, Waldfrucht und Mango – was will man mehr? Die meisten nehmen Frucht. Cola und Schokolade fehlen noch!

Wie viele Kleinmachnower Gebisse kennen Sie?
Franz: Das geht in die Tausende. Ich kenne alle meine Patienten, denn man arbeitet ja jahrelang zusammen. Über ein gerades Lächeln auf der Straße freue ich mich. Selten schaut mal einer weg.

Kinder freuen sich anfangs noch auf die neue Spange, mit zunehmendem Alter immer weniger. Der Zug auf den Zähnen kann weh tun, die Mitschüler lästern.
Franz: Beim ersten Mal sind die meisten aufgeregt, manche Kinder haben Angst – der Stuhl sieht etwas furchterregend aus, ich trage einen weißen Kittel. Aber beim zweiten und dritten Mal haben sie keine Furcht mehr.

Ab der Pubertät wächst vermutlich der Widerstand gegen den Blitzableiter im Mund.
Franz: Je älter das Kind, desto größer die Abneigung. Deswegen fange ich gern sehr früh an mit der Behandlung – wenn erforderlich

schon bei Vierjährigen. Die Kleinen machen noch recht gut mit, gerade wenn Freunde auch eine Spange tragen – man ist dann unter sich. Den Größeren versuche ich zu erklären,dass sie das Ding schneller los sind, wenn sie gut mitarbeiten. Dass sie die Termine wahrnehmen und, wenn sie feste Spangen tragen, beim Essen drauf achten, dass wenig kaputtgeht und sie die Gummis einhängen.

Helfen prominente Vorbilder?
Franz: Von den Schauspielern hatten viele eine Zahnspange –Tom Cruise etwa. Das ist hilfreich, insbesondere bei Jugendlichen. Zunehmend lassen sich Erwachsene

___________________________ Zur Person
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  • Drei Tage vor der Wiedervereinigung im Jahr 1990 hat die promovierte Zahnärztin und Kieferorthopädin Irene Franz eine eigene Praxis in Kleinmachnow eröffnet. Zuvor war sie in der Poliklinik beschäftigt. Eigene Praxen konnten zu DDR-Zeiten nur sehr wenige Ärzte eröffnen

  • Irene Franz hat nach ihrem Zahnmedizinstudium eine fünfjährige Zusatzausbildung zur Kieferorthopädin absolviert.

  • Die Patienten kommen aus der ganzen Region inklusive Berlin. Jahrelang war Franz die einzige Kieferorthopädin im Ort.

  • Von den Kindern und Erwachsenen , die heute in die Geschwister-Scholl-Allee 51 kommen, haben rund 60 Prozent eine feste Spange.

  • Die Kartei der Praxis listet derzeit 600 Patienten auf.
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    kieferorthopädisch behandeln. Ab 18 Jahren ist aber eine Spange nur in Ausnahmefällen eine Kassenleistung. Gibt es noch diese Folterinstrumente, die mit einem Geschirr am Hinterkopf befestigt werden?
    Franz: Der so genannte HeadGear wird noch benutzt. Ein Bogen auf den Zähnen wird mit einem Gummizug nach hinten gezogen. Wenn es erforderlich ist, dass sich die oberen Zähne zurückbewegen, nimmt man so etwas. Ich habe den Head-Gear in meiner Berufspraxis erst einmal verwendet, denn er ist auch nicht unumstritten. Der Zug am Kopf kann Kopfschmerzen verursachen.

    Wie sah das schiefste Gebiss aus, das Sie behandelt haben?
    Franz: Der Unterkiefer stand fast zwei Zentimeter vor dem Oberkiefer.

    Ihr schönster Erfolg?
    Franz: Jedes Gebiss, das schön geworden ist.

    Wie nehmen die Patienten, die mehrere Jahre monatlich zu Ihnen gekommen sind, Abschied, wenn ihr Gebiss gerichtet ist?
    Franz: Das ist unterschiedlich. Manche backen einen Kuchen. Die meisten aber sind froh, dass sie es geschafft haben und mit der Sache nichts mehr zu tun haben. Erstmal raus aus der Praxis! Viele kommen irgendwann wieder mit ihren Sorgen – auch wenn die gar nichts mit Kieferorthopädie zu tun haben. Man hat ja so viel Zeit miteinander verbracht.